Selbstversorgung: Von wegen spießig!

Warum Selbstversorgung wieder in ist

Sie tun es immer öfter und immer lieber: Was einst als spießig und altbacken galt, erfreut sich nun heute immer größerer Beliebtheit. Warum vor allem junge Großstädter so gern gärtnern und das Image des Schrebergartens revolutionieren:
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Schrebergärten 2.0 – wenn aus spießig urban wird

Vorbei sind die Zeiten, in denen selbst der Biss in die frisch geerntete Gurke den faden Beigeschmack des Schrebergarten-Images nicht übertönen konnte. Also: Schrebergarten = Strebergarten + Gartenzwerg + akkurate Ordnung. So die Rechnung. Thomas Wagner, Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde (BDG) ist sich sicher, dass das Wuseln zwischen Laube und Beet inzwischen bei den „jungen Urbanen als entspannt und trendy gilt.“ Aus spießig wird urban. Aus Rentnerehepaar junge Familie. Und in der Tat: Darf man den Zahlen des BDG Glauben schenken, sind inzwischen 45 % aller Kleingärtner junge Familien. Laut BDG nutzen deutschlandweit rund 5 Millionen Menschen einen Kleingarten. Besonders in Großstädten übertrifft laut dem Verband die Nachfrage das Angebot. Demnach gibt es mit 67 000 Parzellen die meisten Kleingärten in Berlin. Die Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot. So beträgt die Wartezeit für einen Kleingarten in Berlin zwischen 3 und 5 Jahre. (Quelle: BDG)

Es ist vor allem der Wunsch, sein eigenes Obst und Gemüse anzubauen, der die neue Generation der Kleingärtner antreibt. Selbstversorgung ist das neue Mantra, das über den Parzellen zu schweben scheint. Von der Aussaat, über die monatelange Pflege bis hin zum großartigen Ereignis, das erste selbst geerntete Gemüse in den Händen halten zu können.Wer sich für seinen eigenen kleinen Garten entscheidet, auf den kommen einige Kosten zu. Laut BDG fallen durchschnittlich ca. 3300 Euro Ablöse für die Vorpächter der Laube und der Pflanzen an. Hinzukommen Ausgaben für die Bewirtschaftung, also Pflanzen, Saat, Dünger und Gartengeräte. Das macht noch einmal ca. 400 Euro. Und auch an die öffentlichen Gebühren und Kosten für Wasser, Versicherung und Strom muss gedacht werden.

Mit Wonne in der Erde wühlen oder warum es uns ins Grüne zieht

Doch es muss nicht immer gleich der eigene Schrebergarten oder Mietacker sein. Vor allem in der Großstadt bieten sich Hobbygärtnern vielfältige Möglichkeiten, ihren grünen Daumen einzubringen. So kann auch gemeinsam beim Urban Gardening in der Erde gebuddelt, direkt vom Strauch genascht oder geerntet werden. Besonders für Menschen mit wenig Zeit ist dies eine tolle Alternative. Und natürlich nicht zu vergessen: der eigene Balkon. Mag er auch noch so klein sein, für einen kleinen Kübel mit Erdbeerpflanzen oder einer Tomatenstaude ist bestimmt immer Platz. Die kleine Ausbeute der Ernte wird definitiv mit dem großen Gefühl und grünen Glück aufgewogen werden, das Grün jeden Tag wachsen und gedeihen zu sehen und irgendwann endlich die reife Frucht in den Händen halten zu können. Mag es auch nur diese eine Erdbeere sein. Garantiert schmeckt sie besser, als die ganze Schale aus dem Supermarkt von nebenan zusammen.Diese Glücksgefühle sind es wohl auch, die immer mehr Menschen ins Beet ziehen. So pflanzt man selbst nicht nur jede Menge Glücksgefühle, sondern das Gärtnern entspannt, erdet, soll den Blutdruck senken, verschafft Bewegung und entschleunigt. Und natürlich ist da dieses ganz besondere Gefühl, etwas mit seinen eigenen Händen geschafft zu haben – ein tolles Gefühl vor allem nach einem langen Arbeitstag vor dem PC.

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Erst lesen, dann gärtnern: Lektüre zur Selbstversorgung

Wer nun noch etwas Rat und Hilfe in puncto Gärtnern und Selbstversorgung benötigt, kann einen Blick in die Fülle der Literatur werfen. Es sind Ratgeber wie „Mein Selbstversorger-Garten Monat für Monat: Pflanzen, Pflegen, Ernten*“ (14,99 €), „Selbstversorgt! Gemüse, Kräuter und Beeren aus dem eigenen Garten*“ (19,90 €) die Kniffe verraten und notwendiges Wissen vermitteln. Ein sehr weitgefächerter Ratgeber ist „Das große Buch der Selbstversorgung*“ (24,95 €). Es gibt praxiserprobte Tipps, führt mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen in die Thematik des Gemüseanbaus auf dem eigenen Balkon, der Käse- und Brotherstellung, des Haltbarmachens von frisch geernteten Lebensmitteln bis hin zum Müllrecycling und der Nutzung erneuerbarer Energien ein.

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Selbstversorgung mit rheinischem Dialekt: Blog „neulichimgarten.de“

Einer, der nicht mehr liest, sondern vielmehr darüber schreibt, ist Ralf Roesberger. Auf seinem Blog „neulichimgarten.de“ und mit seinen kleinen Videos gibt er aus seinem Garten in Rommerskirchen und mit rheinischem Dialekt Hinweise und Wissenswertes über Kartoffelanbau, Hühnerzucht,  Schlachten von Kaninchen und das Herstellen von Lebensmitteln preis. Inzwischen gilt der Selbstversorger als kleine Berühmtheit im Netz, der auch mit seinen Filmen (z.B. der Versuch einen Bienenschwarm einzufangen) unterhält. Als Belehrung sieht er seinen Blog jedoch nicht. Und doch wird beim Stöbern durch den Blog eines deutlich: Was einst vor Jahrzehnten als Aussteiger- oder Hippietraum begann, ist heute durchaus gesellschaftsfähig. Doch wie weit kann ich mich selbst versorgen und wo sind die Grenzen dessen?

Selbstversorgung – eine Utopie?

Die Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft Baden-Württemberg hat einst vor Jahren schon berechnet, wie viel Fläche es eigentlich bedürfe, um einen Deutschen ein Jahr lang zu versorgen. So viel sei vorweggenommen: Die Selbstversorgung in der Großstadt ist Utopie und selbst auf dem Land müsste man Großgrundbesitzer sein, um dies zu realisieren. So bräuchte man für einen Menschen in Deutschland theoretisch 2500 qm Boden. Das setzt jedoch eine nahezu vegetarische Ernährung voraus. Die Tierhaltung würde, bei einem derzeitigen Pro-Kopf-Fleischverbrauch von 60 kg im Jahr, deutlich mehr Boden beanspruchen – eine Fläche, die Deutschland gar nicht hat. Und doch sollte man das Thema Selbstversorgung nun nicht abschreiben. Rückt es doch wieder ein wenig mehr Achtung und Sensibilität in puncto Nahrungsmittel und gesunder Ernährung in den Vordergrund. Dies kann bekanntlich nie schaden.Und das große Glück über die erste eigene selbst geerntete Erdbeere oder Tomate kann sowieso nicht quantitativ aufgewogen werden.

06.03.2019 · 14:25 · Autor: Annelie Neumann · Kategorie: Haus und Garten
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