Repair Cafés: Wenn etwas Kaputtes wieder ganz wird

Von der Kunst des Reparierens bei Kaffee und Kuchen

Was tun, wenn der Laptop den Geist aufgegeben hat, das Loch in der Jeans nicht modisch ist, sondern nervig und der Toaster den Brötchen morgens die kalte Schulter zeigt? Man könnte diese Dinge einfach wegwerfen und durch neue ersetzen – oder ins nächste Repair-Café gehen.
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Copyright: Stichting Repair Café

Das Credo der Repair-Café-Idee: Hilfe zur Selbsthilfe bieten

Für ein Repair-Café bedarf es eigentlich nicht viel: Kaffee, Kuchen und – natürlich – reparierbare Dinge. Noch wichtigerer sind allerdings die Menschen von nebenan, die mit ihren technischen und handwerklichen Tätigkeiten elektrische Geräte, Möbel, Kleidung und Co. vor dem Müll bewahren. Das Credo der sich immer größerer Beliebtheit erfreuenden ehrenamtlichen Treffen: Hilfe zur Selbsthilfe. Und so darf geschraubt, getüftelt, genäht und gelötet werden, was die Werkzeugkiste und das Können der nachbarschaftlichen Hilfe hergeben.

Ob man lieber allein oder mithilfe anderer Cafébesucher werkelt, bleibt dabei jedem selbst überlassen. Besonders erfreulich: Werkzeug und Material für alle erdenklichen Reparaturen sind vorhanden. Und fachkundige Kenntnisse und Fähigkeiten sitzen vielleicht nur eine Kaffeetasse weit entfernt. Dank ausliegender Fachliteratur zum Thema Heimwerken* und Reparieren können sich bei Bedarf auch weitere Tricks und Kniffe angelesen werden.

Reparieren statt wegwerfen: Dir ist etwas kaputt gegangen? Dann nichts wie ab ins nächste #Repaircafé!

Wie monatlich mehr als 18.000 Gegenstände vor dem Müll gerettet werden

Repair Cafés schonen den Geldbeutel, erweitern den Horizont und leisten einen entscheidenden Beitrag zu einem nachhaltigen und bewussten Lebensstil. Neu ist die Idee der Wegwerfgesellschaft auf diese Weise zu trotzen übrigens nicht. So wurde bereits 2009 das erste Repair-Café in Amsterdam durch die Niederländerin Martine Postma eröffnet. Inzwischen wird weit über die Grenzen der Niederlande hinaus in mehr als 1000 Repair-Cafés in über 24 Ländern repariert.

Copyright: Stichting Repair Café/Fotograf: Martin Waalboer

Dank der von Postma initiierten Stiftung „Repair-Cafés“ kann nicht nur jeder an einem Repair-Café teilnehmen, sondern sogar selbst eines initiieren. Interessierte können auf der Homepage das für sie nächstliegendste suchen und finden. Laut der Initiative sind es vor allem soziale Einrichtungen, gemeinnützige Vereine, Stadtteilinitiativen und Kirchengemeinden, die in regelmäßigen Abständen zum gemeinsamen Schrauben und Tüfteln einladen. Auf diese Weise würden monatlich mehr als 18.000 Gegenstände vor dem Wegwerfen bewahrt werden können.

Wozu aber reparieren, wenn ich einfach neu kaufen kann?

Und doch verbirgt sich bei genauerem Hinschauen viel mehr hinter dem Konzept der Repair-Cafés als das bloße Reparieren von Föhn, Lampe und Co. So ist es irgendwie unausweichlich und ja gewollt, dass man beim gemeinsamen Werkeln, Schrauben und Testen in Kontakt miteinander kommt. In geselliger, ungezwungener Runde können Kontakte geknüpft und Wissen gegenseitig praktisch und auf wertvolle Weise ausgetauscht werden. Nachhaltig ist dies dann sicherlich nicht nur im ökologischen Sinne.

Copyright: Stichting Repair Café/Fotograf: Martin Waalboer

Und noch eines wird beim konzentrierten Auseinanderschrauben und der Suche nach dem Fehlerteufel offensichtlich: Der Reiz am und die Kenntnis zum Reparieren scheint uns irgendwann verloren gegangen zu sein. Viel reizvoller und bequemer ist da leider das unbedachte Wegwerfen und Neukaufen in einer Gesellschaft der Schnelllebigkeit. Die begrenzte Haltbarkeit der Gebrauchsgegenstände ist industriell kalkuliert. Das Wissen oder gar die Möglichkeit des Reparierens hingegen wird an den Rand gedrängt. Wie bedenklich dies ist, wird spätestens beim Blick auf den Ressourcenverbrauch deutlich. So kann ohne weiteres die benötigte CO2- sowie Grund- und Energiemenge für die Produktion neuer Waren eingespart werden, wenn man etwas Zeit und Mühe investiert, um kaputte Gegenstände zu reparieren.

Copyright: Stichting Repair Café/Fotograf: Martin Waalboer

Warum Reparieren unbezahlbar ist

Und diese Mühe ist gut investiert. Denn mit dem Reparieren und dem intensiven Auseinanderschrauben und unweigerlichen Auseinandersetzen ändern sich nicht selten die Wahrnehmung und der Bezug zum Gegenstand. Es ist nicht mehr nur ein x-beliebiger Toaster, Laptop oder Föhn, sondern einer, meiner, den ich mit meinem Wissen und meinen Fähigkeiten wieder in Gang gesetzt habe. Und dieser Wunsch der wiederentdeckten Wertschätzung und Mentalitätsveränderung ist es, der jedem Repair-Café-Besuch nachhallt und für eine nachhaltige Gesellschaft unabdingbar ist. Dass der Föhn die Haare wieder in Form bringt, der Staubsauger den Wollmäusen zu Leibe rückt und der Stuhl nun endlich auf vier Beinen steht, wird da fast zur Nebensache.

Das Gefühl und der Stolz, das selbst reparierte gute Stück wieder funktionstüchtig in den Händen halten zu können, ist nämlich unbezahlbar.

 

08.02.2019 · 12:41 · Autor: Annelie Neumann · Kategorie: Lifestyle/ Lebensart
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