„Selbst gezogenes Gemüse macht glücklich!“

Interview mit Dr. Markus Phlippen

Viele von euch kennen Dr. Markus Phlippen vielleicht noch als TV-Gartenexperte des erfolgreichen ARD Ratgebers „Haus + Garten“, welches er bis zum Jahr 2014 moderierte. Jetzt hat der promovierte Biologe sein neues Buch „Gemüse und Kräuter im Garten - Naturnah gärtnern – alles, was man als Selbstversorger wissen muss“ veröffentlicht – ein nützlicher Ratgeber für Gartenanfänger- und Profis. Wir haben mit ihm über nachhaltiges Gärtnern, Selbstversorgung und praktische Gartentipps gesprochen.
Bild von Artikel: Interview mit Dr. Markus Phlippen
Copyright: Marion Nickig

Was ist besonders wichtig für nachhaltiges Gärtnern?

Gärtnern ist an sich ist die perfekte Schule, um das Thema Nachhaltigkeit hautnah zu erfahren. Nachhaltigkeit liegt den Gärtnern sozusagen im Blut. Das bedeutet in erster Linie: Als Gärtner denkt und handelt man in Kreisläufen. So sollte man von Anbeginn versuchen einen Kompost anzulegen, um die Nährstoffe, die dem Boden durch das Pflanzenwachstum entzogen wurden, bei der Kompostdüngung im nächsten Frühjahr wieder zuzuführen. So kann auf zugekauften Dünger verzichtet werden. 

Der offensichtlichste Kreislauf ist der des Lebens: Also der Zyklus vom Samenkorn über die Entwicklung der Pflanze bis zur Ernte der reifen Früchte, von denen ein Teil wiederum das Saatgut für das nächste Gartenjahr liefert. Man sollte also versuchen sein eigenes Saatgut herzustellen. Ein schönes Anfängergemüse hierfür sind Tomaten. Ihre Samen sind durch Selbstbestäubung oft sortenecht. Vorsicht jedoch bei Zucchini. Selbstgewonnenes Zucchini-Saatgut kann durch Rückmutation auch giftige Pflanzen hervorbringen. 

Allgemein handelt man im Gedanken der Nachhaltigkeit, wenn man als Gärtner möglichst naturnah gärtnert, auf den unnötigen Einsatz von motorisierten Geräten verzichtet, einen artenreichen Garten anlegt und mit Wasser sorgsam umgeht. Die richtigen Pflanzen für den richtigen Standort ist die wichtigste Regel!

Copyright: Marc Eggers

Was gehört für Sie zu einem schönen Garten auf jeden Fall dazu? 

Für mich sollte ein schöner Garten auch größere Bäume haben. In meinem Garten stehen eine große Süßkirsche und ein großer Berlepsch-Apfel. Bäume strukturieren einen Gartenraum, sie schaffen ein Zentrum, sie erobern die dritte Dimension und machen auch aus kleinen Flächen etwas Größeres. Freilich müssen die Verhältnisse stimmen. Auch für kleine Gärten gibt es gut dimensionierte Bäume, die - vorausgesetzt sie sind richtig geschnitten - eine wahre Augenweide sind – etwa der persische Eisenholzbaum Parrotia persica.

Haben Sie ganz bestimmte Lieblingspflanzen?

Ja, auf jeden Fall. Ein großes Faible habe ich für australische Pflanzen, weil ich dort einen Teil meines Studiums verbracht habe. Baumfarne (Dicksonia) und Bottlebrush-Trees (Callistemon) etwa. Der Bottlebrush ist bei uns als „Zylinderputzer“ bekannt und wird als mediterrane Kübelpflanze gezogen. Seine aus unzähligen Staubgefäßen bestehenden Blüten sind ein Fest für Bienen und Hummeln. Ich habe einige selber aus Samen gezogen – bis zur Blüte dauerte es allerdings 7 bis 8 Jahre.

Beim Gemüse bin ich derzeit sehr von der Süßkartoffel (Ipomoea batatas) begeistert. Sie ist ja bei uns seit einigen Jahren als Zierpflanze für Balkonkästen beliebt, aber man kann sie auch wunderbar anbauen. Es ist sogar leicht möglich in einem 50 Liter Pflanzgefäß auf dem Balkon eine schöne Süßkartoffelernte einzufahren. Da steckt viel Potential drin, gerade weil man Süßkartoffeln in der Küche sehr vielfältig einsetzen kann – von Pommes bis Püree.

Wie beurteilen Sie das Potenzial von Selbstversorgung?

Eine schwierige Frage! Vor 10 Jahren portraitierte ich Urban Gardener in New York für die ARD. Damals war es ein Trend, der herüberschwappte. Aus dem Trend ist inzwischen etwas Normales geworden. Sicherlich werden wir nicht mehr in der Mehrzahl zu komplett selbstversorgenden Gärtnern, so wie meine Familie in den 70er und 80er Jahren in der Gärtnerei meiner Großeltern. Aber – ich halte das Potenzial trotzdem für hoch, weil in der Erzeugung eigener Nahrung eine Art verlorene Freiheit wiederentdeckt werden kann. Das hört sich pathetisch an, ist aber genau das, was mir Urban Gardener und Teilnehmer von Selbsternteprojekten bestätigen. Und diese Erfahrung macht jeder (mich eingeschlossen), der auch nur mal seine eigenen Tomaten oder Chili aus Samen bis zur Ernte anzieht. Selbstgezogenes Gemüse schmeckt in jedem Fall besser als das meiste gekaufte, denn nur im eigenen Garten kann man den Reifeprozess sozusagen bis auf die letzte Sonnenstunde ausreizen. Es gibt keine Transportwege, Zwischenlagerungen oder künstliche Nachreifung.

Copyright: Ursel Borstell

Was würden Sie einem Garten-Neuling raten: Mit welchem Obst/Gemüse oder mit welchen Kräutern können Garten-Anfänger gut starten?

Für Anfänger eignen sich Kräuter, Beerenobst und bestimmte Gemüse. Ein Sonnenplatz mit durchschnittlichem Boden reicht für jedes Kräuterbeet (Oregano, Rosmarin, Salbei brauchen volle Sonne, Melisse, Minze, Petersilie und Schnittlauch bevorzugen Halbschatten). Beerenobst bringt verlässliche Ernte, vorausgesetzt es ist sonnig genug und am Anfang der Saison wird einmal gedüngt. Leicht gelingt die Kultur von Himbeeren und Johannisbeeren. Bei den Gemüsen sind schnell keimende mit kurzer Kulturdauer geeignet: Radieschen, Pflücksalate, Spinat. Erfolge mit Tomaten und Chili sind auch auf dem Balkon im Kübel möglich. Bohnen und Erbsen sind ebenfalls leicht auf durchschnittlichen Böden zu kultivieren, da sie als Hülsenfrüchtler den Boden mit Stickstoff anreichern und keinen Dünger brauchen.

Copyright: Marion Nickig

Was ist Ihrer Meinung nach der Gartentrend 2019?

Insektenfreundlichkeit! Wir hatten ja letztes Jahr die Hiobsbotschaft, dass inzwischen 70-80% der Insekten verschwunden sind. Jeder kann es feststellen, nicht zuletzt auch an der Abnahme bestimmter Vogelarten. Das ist, offen gesagt, eine Katastrophe! Alle Gärtner sollten das im Blick haben und bei der Gartengestaltung Insekten freundliche Pflanzen einplanen. Unsere Gärten könnten das letzte Rückzugsgebiet für eine Vielzahl von Arten werden, weil in der sogenannte „Kulturlandschaft“ einfach nichts mehr wächst. Es gibt kaum noch Heckenlandschaften und Ackerrandstreifen mit vielen Wildblumen. Ich würde mich freuen, wenn aus diesem Trend ebenfalls etwas Dauerhaftes wird!

Na, habt ihr jetzt auch Lust bekommen, euer eigenes Obst und Gemüse im Garten anzubauen? Die Tipps von Dr. Markus Phlippen helfen euch in jedem Fall dabei, aus eurem Garten ein echtes Obst- und Gemüseparadies zu machen.

Hier* könnt ihr das neue Buch „Gemüse und Kräuter im Garten - Naturnah gärtnern – alles, was man als Selbstversorger wissen muss“ von Dr. Markus Phlippen bestellen!

 

Naturnah gärtnern – alles, was man als Selbstversorger wissen muss

Phlippen, Dr. Markus

ISBN 978-3-95453-153-0

1. Auflage 2019, 432 Seiten, 445 Fotos 

Erscheinungsdatum: 22.02.2019

39,90 EUR(D) inkl. 7% MwSt.

 

29.03.2019 · 14:36 · Autor: Nadine Mittag · Quelle: · Kategorie: Haus und Garten
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