Die Stadt als Goldgrube – Urban Mining

Mai 2022
Verfallene Industriehalle oder Goldgrube für Materialien?
Verfallene Industriehalle oder Goldgrube für Materialien? - Fotograf:in: Peter H.

Die moderne Stadt - nicht nur ein Ort zum Leben und Arbeiten, sondern auch ein nachhaltiges Abbaugebiet, eine Rohstoffquelle: Das ist das Versprechen von Urban Mining. Viele Rohstoffe brauchen gar nicht erst im Baumarkt neu gekauft werden, sie sind schon da - in den Altbauten jeder Stadt.

Was ist Urban Mining?

Hast du dich je gewundert, was mit leerstehenden Wohngebäuden, alten Industriehallen und dem ganzen Schrott auf den Müllbergen passiert? Und ob nicht zum Beispiel die ganzen alten Rohre oder kaputte Waschmaschinen doch noch zu etwas gut sein könnten?

Urban Mining beschäftigt sich genau damit. Das Konzept dreht sich im Kern darum, vom Menschen zurückgelassenen, vor allem metallhaltigen Abfall zu finden. Daraus werden nützliche Rohstoffe extrahiert und diese dann wiederverwendet.

Eine kaputte Maschine.

Betrieben wird Urban Mining im Wesentlichen von Firmen und Vereinen, hauptsächlich wegen der nötigen Kompetenzen und Bildung im Bereich Rohstoffverarbeitung. Außerdem benötigt man spezielle Zugangsrechte für das Betreten von beispielsweise verfallenen Industriehallen.

Eine nachhaltige Idee

Urban Mining, da geht es also um Ressourcen. In der Wissenschaft unterscheidet man in diesem Zusammenhang zwischen zwei Sorten:

Primärressourcen, die als Haupt- oder Nebenprodukt durch den Abbau von Beständen in der Erde entstehen. Also etwa Gold in der klassischen Goldmine.

Sekundärressourcen sind Güter, die schon mindestens einmal im Wirtschaftskreislauf gewesen sind und nun weiterverwendet werden.

Die Verwendung von Sekundärressourcen ist also in dem Sinne nachhaltig, dass die endlichen Bestände der Erde durch deren Gewinnung nicht weiter belastet werden. Ressourcengewinnung erfolgt dann eben auch nicht mehr aus natürlichen Beständen, sondern sogenannten anthropogenen (= menschlichen) "Lagern": Etwa den Müllhalden und verlassene Altbauten unserer Städte.

Das moderne Haus als Ressourcenlager

Im Verständnis der Urban Mining-Idee sind menschengemachte Produkte dann auch keine Endprodukte mehr, sondern Leihgaben. Die Handwerker:in leiht sich Holz und Eisen aus dem Pool der verfügbaren Ressourcen und baut damit einen Tisch. Der wird dann für eine Weile, vielleicht 20 Jahre genutzt und schließlich auseinander gebaut, sodass die Bestandteile in den gemeinschaftlichen Ressourcenpool zurückgeführt werden können.

Ein Tisch, gebaut aus alten Brettern

Die Hoffnung ist, dass es irgendwann nicht mehr notwendig sein wird neue (= Primär-) Ressourcen abzubauen, sondern dass der vorhandene Pool in Kombination mit Wiederverwertung ausreicht, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.

In diesem Sinne wurde zum Beispiel auch das UMAR (Urban Mining & Recycling) Hausprojekt in Dübendorf, entworfen am Karlsruher Institut für Technologie, als Materiallager gebaut. Das heißt: Es ist schon bei der Planung vorgesehen, dass die “gelagerten” (= im Haus verbauten) Materialien nach Nutzungsende wieder gewonnen werden und damit das “Lager” aufgelöst wird. Entsprechend wurden die verwendeten Ressourcen auch so gewählt und eingesetzt, dass sie nach dem Abriss gut wiederverwendet werden können.

Urban Mining - ein Gesellschaftsprojekt

Für die Umsetzung des Konzepts hat Prof. Dr.-Ing. Sabine Flamme Eckpunkte für eine Zukunftsstrategie zusammengetragen, die mehrere Teile der Gesellschaft betrifft.

1. Design for Urban Mining. Um die Arbeit der Urban Miner:innen zu erleichtern und die Gewinnungsprozesse effizient zu gestalten, braucht es standardisierte Abläufe und Erfahrungswerte für die Produzent:innen. Modellprojekte wie das DUMA Haus zeigen, dass es geht.

2. ”Ressourcenkataster” – Bewahrung der stofflichen Information. Damit ist gemeint, dass zum Beispiel für eine Waschmaschine die enthaltenen Materialien irgendwo gelistet sein sollten: So kann Urban Mining besser geplant werden.

3. Urbane “Prospektion”. Nicht nur die Produzent:innen brauchen Standards und Erfahrungswerte, sondern auch diejenigen, die die Produkte am Ende ihrer Lebensspanne finden und auseinandernehmen.

4. High-Technology für Trennung und Rückgewinnung. Wie fast alle Arbeitsbereiche hat auch Urban Mining das Potenzial, massiv von technologischen Innovationen zu profitieren. Zum Beispiel könnte so das Verorten und Entnehmen von Kupferdrähten in Waschmaschinen effizienter gestaltet werden.

Die Umsetzung des Urban Mining Prozesses erfordert einigen Aufwand. Das Finden von urbanen Minen ist dabei nicht so sehr ausschlaggebend wie die Extraktion, Aufbereitung von Ressourcen und die Organisation von deren Verwendung in neuen Projekten. Vor allem Extraktion und Aufbereitung benötigen ein tendenziell spezialisiertes Know-How.

Daher findet Urban Mining vor allem im Rahmen von Vereinen und Betrieben statt, die sich auf dieses Thema konzentrieren (z.B. Abbruchunternehmen und Metallhändler:innen) oder solchen die nahe dran sind: Dazu gehören hauptsächlich die Abnehmer:innen von Materialien, etwa Baumärkte oder Goldschmieden. Diese können das Thema auch ins Gespräch mit ihren Kund:innen bringen und so helfen, Menschen für den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen zu sensibilisieren.

Juweliere etwa sind in einer guten Ausgangslage, um Urban Mining-Themen an den Kunden zu bringen.

Schließlich sind da noch die Haushalte, die nämlich auch mit Urban Mining zu tun haben. Im nächsten Abschnitt haben wir dazu ein paar Tipps zusammengestellt, wie du selbst Urban Mining unterstützen kannst, ohne gleich in einem entsprechenden Verein oder Betrieb arbeiten zu müssen.

Wie kann ich mithelfen?

Urban Mining findet, vor allem wegen des nötigen Fachwissens, hauptsächlich in der Industrie statt. Einiges lässt sich aber auch selbst bewerkstelligen und manche Materialien kann man auch direkt in die Industrie zurückführen.

1) Bewussterer Umgang mit den eigenen Ressourcen. Jeder Haushalt verfügt auch über eigene Ressourcen, ist ein eigenes “Materiallager”. Deswegen: Bevor ein neues Regal gekauft wird - vielleicht lässt sich ja auch selbst eins aus alten Ziegeln und Brettern bauen?

2) Aussortieren… “Aus den elf Millionen Handys, die aktuell in Österreich ungebraucht in Schubladen herumliegen, ließe sich Gold im Wert von zehn Millionen Euro extrahieren.” (urbanmining.at).

3) … und abgeben! Wenn du Urban Mining expliziter unterstützen möchtest, halte Ausschau nach Vereinen und Betrieben im regionalen Umfeld, die dieses oder ein ähnliches Prinzip verfolgen. Vor allem Vereine nehmen oft mit Freude Sachspenden an.

Für Niedersachen in Deutschland bietet bauteilnetz.de eine gute Übersicht, in Österreich könnt ihr auf urbanmining.at nachschauen.

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